Kreis Böblingen>>Heimatvertriebene>>Kirchliche Eingliederung

„Und wie schwer war doch der Anfang ...“ Pfarrer Pöss aus Ehningen zur Lage der katholischen Seelsorge in der Nachkriegszeit



Quelle: „Wille zum Leben“ - Festschrift des Bundes der Vertriebenen zum 10-jährigen Jubiläum, 1958

Autor: Josef Pöss

„In der Nacht zum 10. April 1946 kommt wieder ein Transport mit etwa 800 bis 1.000 heimatvertriebenen Menschen im Lager Unterjettingen an. Unter diesen plötzlich heimatlos gewordenen Menschen bin ich der erste heimatvertriebene Priester aus dem Osten, der das Schicksal mit seiner Gemeinde teilt. Dumpf und stumpf schleichen die Menschen umher, die Freude und Zuversicht ist aus ihren Augen gewichen. Alle fragen: Was soll jetzt aus uns werden? Wo werden wir hinkommen?

Der Palmsonntag ist ein schöner Frühlingstag. Dank der Hilfe des hw. Herrn Stadtpfarrers von Böblingen Johannes Lang, der die notwendigen gottesdienstlichen Gewänder und Geräte bringen ließ, ist es mir möglich, im Lager den ersten katholischen Gottesdienst zu halten. Die Pfeiler unseres Doms sind die Schwarzwaldtannen, der Altar ein roher Barackentisch, das feierliche Orgelspiel übernehmen die Vögel in den Zweigen. Alles schart sich um den schlichten Altar, denn alle spüren, hier ist uns ein Stück Heimat geblieben. So war der Anfang für mich, meine Mitbrüder und für unsere Gemeinden.

Und wie schwer war doch dieser Anfang. In den Kreis Böblingen, der bis 1946 zu 90 und mehr Prozent evangelisch war, kamen mit einem Mal Tausende fremde Menschen, die einander nicht nur fremd waren in ihrer Abstammung, sondern die sich doppelt fremd waren in ihrem Glauben. Diese Heimatlosen, Entwurzelten brauchten einen Halt zu ihrer Rettung. Diesen Menschen mussten Inseln gebaut werden, Kähne gezimmert, zum wenigsten Flöße ausgesetzt werden, es musste ihnen ein Stück Heimat hingereicht werden, auf das sie sich retten konnten.

Das war die erste Aufgabe der katholischen Seelsorge. Dieser Aufgabe war der einheimische Klerus zahlenmäßig keineswegs gewachsen. Im Jahre 1946 standen zur Betreuung der Katholiken im Kreis Böblingen insgesamt 4 Geistliche zur Verfügung, 2 aus Böblingen und je einer aus Sindelfingen und Dätzingen. Herrenberg wurde von Altingen im Kreis Tübingen und die Fildergemeinden von Stuttgart seelsorglich versorgt.

Zum großen Glück kamen nach und nach mit den Heimatvertriebenen auch viele ihrer Priester, die gleich auf Wunsch mit tatkräftiger Unterstützung des hw. Bischofs von Rottenburg, Dr. Johannes Baptista Sproll, oft mit primitivsten Mitteln und Möglichkeiten, eine Seelsorge unter ihren Schicksalgefährten aufzubauen begannen. In den Gemeinden, in denen bis zu 1.000 und mehr Katholiken wohnten, wurden sogenannte „Seelsorgestellen“ eingerichtet, denen die Betreuung der Katholiken am Ort und in den umliegenden Gemeinden anvertraut wurde. Am 1. April 1949 bestanden im Gebiet des Kreises schon sieben solcher Seelsorgestellen, und zwar in Aidlingen, Ehningen, Holzgerlingen, Magstadt, Sindelfingen, Waldenbuch sowie in Unterjettingen, das dem Dekanat Nagold unterstand. Im Laufe der nächsten Jahre kamen Dagersheim, Maichingen und Schönaich noch hinzu.

Die größte Schwierigkeit bereitete das Fehlen eigener Gottesdiensträume. Bei Errichtung des Dekanats Weil der Stadt standen der katholischen Seelsorge im Kreis Böblingen zwei Pfarrkirchen in Böblingen und Dätzingen und zwei Filialkirchen in Herrenberg und Sindelfingen zur Verfügung. Diese Kirchen aber waren für die neuen Verhältnisse viel zu klein. Es mussten fünf und mehr Gottesdienste sonntags gehalten werden, wo bisher zwei genügten.

Die Seelsorger in den Landgemeinden - keiner hatte einen eigenen Gottesdienstraum - lasen die heilige Messe an Wochentagen in dem Zimmer, das ihnen vom Wohnungsamt zur Verfügung gestellt worden war und das ihnen als Kirche, Sakristei, Wohnzimmer, Arbeitsraum, Sprechzimmer und Schlafstelle, ja manchmal noch als Küche diente. Für die katholischen Sonntagsgottesdienste stellten die evangelischen Gemeinden dankenswerterweise ihre Gotteshäuser zur Verfügung. Die Geistlichen (Rucksackpriester) packten die Sachen für die Gottesdienste in den Koffer oder Rucksack, schwangen sich auf das Stahlross, so man in der glücklichen Lage war, eines zu besitzen, und radelten von Dorf zu Dorf, von Gemeinde zu Gemeinde; jeden Sonntag 3 - 4 Gottesdienste.

So war es nur zu verständlich, dass die erste und vornehmste Sorge, sowohl in den Gemeinden wie beim bischöflichen Ordinariat in Rottenburg war, bald und schnell eigene Kirchenräume für die neuen Gemeinden zu schaffen.

Mit Hilfe Gottes und dank der großherzigen Unterstützung des hw. Bischofs von Rottenburg, Dr. Carl Joseph Leiprecht, und seines gütigen Generalvikars, Dr. August Hagen, und nicht zuletzt aufgrund der großen Opferfreudigkeit unserer zumeist heimatvertriebenen Gläubigen ist es gelungen, in der Zeit von 1950 bis 1957 zehn neue katholisch Kirchen im Gebiet des Kreises Böblingen zu bauen und feierlich einzuweihen.“

Mit freundlicher Genehmigung des BdV-Kreisverbands Böblingen


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